Es ist an der Zeit für einen letzten großen Blog-Eintrag und es ist Zeit Danke zu sagen:
Danke, dass ihr unseren Blog mit so viel Spaß und Freude verfolgt, kommentiert und geteilt habt! Es war uns ein Vergnügen unsere Erfahrungen mit euch zu teilen!
Abschließen findet ihr einen kleinen Bericht über das Erlebte und was alles dahinter steckt. Viel Spaß beim lesen,
euer EWB-Team
Raus aus dem Hörsaal: Karlsruher Studenten bauen Brücke in Sri Lanka
Der etwas andere Sommerurlaub: 22 Studenten des KIT haben ihre Semesterferien in Sri Lanka verbracht – nicht etwa zum Surfen, sondern zum Arbeiten. In 106 Tagen hat die Gruppe eine Hängebrücke mit einer Gesamtlänge von 56 Metern gebaut.

Warum man für so etwas seine Prüfungen ausfallen lässt, was für schöne Erfahrungen man dabei machen kann und was einen überhaupt dazu antreibt – davon erzählt dieser Bericht.
In einem kleinen, entlegenen Dorf in Sri Lanka sitzt Santhe auf seinem roten Fahrrad. Das schwere Bündel Zimtstangen auf seinem Gepäckträger fährt er behände den schmalen Pfad entlang zu seinem Haus. Unterwegs grüßt er Schulkinder, deren Unterricht soeben vorbei ist. Sein Weg führt, wie der der Kinder auch, entlang des Flusses Bentara. Für Santhe und die Schulkinder jedoch stellt er ein schwer zu überwindendes Hindernis dar. Vor allem bei Hochwasser ist der Fluss unpassierbar und verwandelt sich in einen reißenden Strom. Die Kinder und Santhe sind mit diesem Problem nicht alleine. Auch viele andere Bauern des Dorfes haben es weit zu ihren Feldern und müssen den Fluss überqueren. Nicht zum ersten Mal denkt Santhe, dass eine Brücke über den Fluss eine gute Sache wäre. So könnten auch die Kinder des Dorfes viel schneller in der Schule der nächsten Stadt sein. Was im Dorf zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: 8.000 Kilometer entfernt haben sich 22 Studenten zusammengefunden, um genau das zu realisieren. Sie wollen in eine Brücke über den Bentara River bauen …
Es ist schon eine Weile her, dass die Idee entstand. Wir sind Teil der Hochschulgruppe „Engineers Without Borders“, die in verschiedenen Ländern Entwicklungsprojekte initiiert, plant und durchführt. Solaranlagen in Ruanda, Trockentoiletten in Uganda, Zisternenbau auf Haiti und eben Brücken in Sri Lanka. Der Start eines jeden Projekts ist die Phase der Projektfindung. Angefangen mit Besuchen bei den Helfern vergangener Projekte bereist die Projektgruppe das Zielland, führt Gespräche und sammelt Eindrücke der Lebensweisen und Bedürfnisse der Menschen. Die Erkundungsreise für den Brückenbau in Sri Lanka umfasste zwei Wochen voller Meetings, dem Ausheben von Schürfgruben, Sondieren, Vermessen, Auswerten und Kontakte knüpfen.
Zurück in Karlsruhe war das Brückenfieber ausgebrochen. Nicht nur in den regelmäßigen Gruppentreffen, sondern auch am Wochenende oder zwischen zwei Vorlesungen grübelten wir über den Entwurf und das Design der Brücke. Denn welche Konstruktion kann 30 Meter überspannen und einem Fluss standhalten, der in der Monsunzeit mannshoch über seine Ufer tritt? Viele Ideen entstanden, es wurde getüftelt, berechnet und diskutiert. Leicht umsetzbar, günstig und standhaft sollte sie werden. Schließlich entschieden wir uns für eine Hängebrücke aus Stahl und Beton.

Nicht nur Anerkennung, sondern auch viel Unverständnis wurde uns in dieser Zeit entgegengebracht. „Ihr könnt doch nicht einfach nach Sri Lanka fliegen und da eine Brücke bauen?! Leitet das kein Professor? Wer hat die Verantwortung? Was macht ihr, wenn das schief geht?” Wir steckten sehr viel Zeit und Energie in die Planung. Jede Schraube, jeden Stab Bewehrung und jedes Stück Stahl wollten wir selber konstruieren, berechnen und in Pläne zeichnen. Bei einem Projektvolumen von rund 75.000 Euro stellte die Suche nach Sponsoren neben der Zeitplanung und Koordination ebenfalls eine große Aufgabe dar.
Nach zwei Jahren war die Umsetzung in greifbarer Nähe. Die Theorie stand, die Bauausführung sollte folgen.
Am 2. Juli 2013 war es so weit: Die ersten fünf Studenten ließen die letzten Prüfungen ausfallen und machten sich auf den Weg ins unbekannte Sri Lanka. Wir haben in Karlsruhe sehr viele Situationen betrachtet und uns Lösungen überlegt. Die Dschungellandschaft in Sri Lanka stellte uns trotzdem täglich vor scheinbar unlösbare Probleme. Das Baugelände musste vom Dickicht des Dschungels befreit und zugänglich gemacht werden. Schlangen, Spinnen und Warane waren ständige Besucher. Material war nicht immer verfügbar, Werkzeug ging kaputt und starke Regenfälle hielten den Baufortschritt mehrmals auf. Doch genau diese ungeplanten Zwischenfälle machten den Aufenthalt für uns so aufregend. Täglich schlüpften wir in die Rolle von Bauarbeitern, Bauleitern, Controllern, Betontechnologen, Geotechnikern, Bauzeichnern und Projektmanagern.
Jeden Tag wurde auf der Baustelle gemeinsam angepackt. Wochenende gab es nicht. Zwischen uns und den Dorfbewohnern wuchsen enge Freundschaften. Die Brücke zwischen den Menschen war bereits geschlagen. Neben gemeinsamen Späßen konnten beide Seiten auch voneinander lernen. Während wir unseren Freunden aus Sri Lanka Fachliches erklärten, wurde uns das Fällen von Bambus mit der Machete oder der schnelle Aufbau einer Baustellenbeleuchtung für die Nachtarbeit demonstriert.

Die Tage waren lang: Nach dem alltäglichen Reis-und-Curry-Frühstück und einer kurzen Besprechung starteten wir um 7:30 Uhr gemeinsam zur Baustelle, vor der Dunkelheit waren wir selten zu Hause. Häufig mussten Arbeiten noch beendet werden, sodass Nachtschichten nötig waren, um noch im Zeitplan zu bleiben.
Die Arbeit in der feuchten Hitze des Sri Lankischen Dschungels zehrte an den Kräften. Zur Stärkung wurden wir mehrmals täglich mit Reis, verschiedenen Curry-Varianten und Tee versorgt. Wenn die Arbeit beendet war, ging es für uns zurück zu unserem „Gastvater“ Buddhadasa, der uns den Aufenthalt mit seiner Herzlichkeit jederzeit versuchte einzigartig zu machen. Schnell ein Feierabendbier, Handtuch schnappen und ab in den Bach um die Ecke, wo wir täglich badeten – genau das Richtige nach einem harten Arbeitstag!
Die großen Zwischenziele auf dem Weg zur fertigen Brücke waren die Tage, an denen betoniert wurde. Insgesamt zwölf Betonierabschnitte erforderten eine Menge Vorarbeit. Es mussten Schalungen zur Formgebung des Betons gebaut und Bewehrungsstahl gebogen werden. Waren Zement, Kies und Sand herangekarrt, konnte der Betonmischer angeworfen werden. Wenn der mal wieder den Geist aufgab, war deutsche Ingenieurskunst gefragt. Alle halfen mit: Frauen schleppten Sand, Kinder siebten ihn und die Männer standen in der Baugrube. 270 Tonnen Beton wurden auf der Baustelle von Hand zubereitet und verarbeitet. Die Zahl kannten wir schon in Deutschland. Vorstellen konnte sich das aber keiner.

Nach dreieinhalb Monaten stand die Brücke. Die Eröffnungsfeier war für den 13. Oktober 2013 um 16:00 Uhr angesetzt. Nach einleitenden Reden von Dorfbewohnern, Politikern und uns selbst waren der Freude und Ausgelassenheit keine Grenzen mehr gesetzt. Bis in die späte Nacht wurde gesungen und getanzt. Sri Lanka und Deutschland feierten gemeinsam die Fertigstellung der „Loku Paalama“ (dt. „Große Brücke“).

„The bridge is beautiful. I also want to go to university“, sagte eines der Dorfkinder am Ende. Es ist schön zu sehen, dass man in dem Dorf neben dem Bauwerk auch Motivation geschaffen hat. Die Dorfgemeinschaft wurde zusammengeschweißt.
Nun ist es an der Zeit für ein neues Projekt. Wo in Sri Lanka das sein wird, steht noch nicht fest. Das wird die nächste Erkundungsreise ergeben.
In den dreieinhalb Monaten haben wir unheimlich viel gelernt. Neben dem Abenteuer Sri Lanka war es großartig, in einem Team von motivierten Menschen zu arbeiten, die das gleiche Ziel verfolgen. Es gab dabei niemanden, der uns vorgab, was zu tun war oder wie Probleme gelöst werden sollten. Wir setzten uns als Gruppe zusammen, diskutierten und fanden eine Lösung, die funktionierte.
Selten hat man die Möglichkeit, sich mit so vielen Menschen verschiedener Fachrichtungen auszutauschen. Es ist toll, dass das Umfeld der Uni solche Möglichkeiten bietet. Von Hochschulgruppen über Vorträge bis hin zu Sportangeboten und Sprachkursen. Das Spektrum ist groß. Manchmal muss man Neuland betreten. Aber wenn man etwas findet, was einem Spaß macht, hat es sich gelohnt. Gerne kann man dafür mal eine Prüfung ausfallen lassen. Denn Erfahrungen sind es, die unsere Zeit als Studenten so bereichern.


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SCHADE!!!
Es war auch für uns Leser und Kommentatoren/innen eine echt spannende Zeit. Danke für Eure Berichte, die uns zumundest ansatzweise in die Lage versetzten, Euer Projekt mitzuverfolgen. SCHADE – denn jetzt müssen wir uns neuen Projekten widmen, die wir via Blog unterstützen.
Wenn eine(r) von Euch demnächst Stuttgart 21 oder BER Flughafen auf die Beine hilft, dann lasst es uns wissen, denn dann können wir sicher sein, dass es
1. wirklich vorangeht!!!!!
und
2. es für uns spannend bleibt.
SICHER ist jedenfalls, dass Euch alle – ausgestattet mit dieser Erfahrung – so schnell weder im Studium noch im Beruf was „umhaut“.
Genießt die Erinnerungen und lebt das Jetzt und Morgen